Veröffentlicht in Leben, Roman, Schreiben

Koelle und die 40 Wächter

Wenn ich in meinem Elternhaus schreibe, weil ich bei meiner 95jährigen Mutter bin, dann stets unter den gestrengen Blicken meiner Vorfahren. Ich frage mich, was sie wohl von meiner Arbeit halten. Die Zeiten, in denen man der Meinung war, Romane lesen würde Frauen das Hirn vernebeln, sie schwach und süchtig machen, sind noch gar nicht so lange her. Andererseits sind meine Ahnen eine sehr bunte Mischung. Ich vermute, ihre Standpunkte wären ebenso vielfältig. Darunter war ein verurteilter Mörder, der seinen Nachbarn im Streit um eine Kuh mit der Mistgabel erstach. Ein junger Bursche, der mit wenigen Talern in der Tasche sein Glück in der Ferne suchte und eine Käsefabrik aus dem Boden stampfte. Auch eine begnadete Malerin gab es, die ihrer Kunst wegen ihre Kinder ignorierte. Einen Hofkantor, der ein Buch über die Flora Weimars schrieb und einen kaiserlichen Fasanenjäger. Die Geliebte eines Grafen, einen Schüler Luthers und einen Herrn, der sein Ostpreußisches Gut versoff und verspielte lange bevor es im Krieg verloren gegangen wäre. Wahrscheinlich fänden sie die heutigen Zeiten eher langweilig. Wer weiß? Dennoch scheinen mir ihre Blicke jedes Mal zu sagen: „Streng dich an! Es fällt einem nichts in den Schoß. Du hast es leichter als wir alle.“

7 Kommentare zu „Koelle und die 40 Wächter

  1. Liebe Patricia,

    was für eine vielfältig gemixte Familie! Wie gut, dass jemand Ahnenforschung betrieben hat. Diese aufmerksamen Beobachter bieten sicher viele Anregungen für neue Bücher.
    Ich warte neugierig auf die nächsten Geschichten.

    Ihnen und Ihrer Mutter alles Gute und einen schönen Sonntag wünscht

    Dorothee aus Ostfriesland

  2. Sie werden stolz auf dich sein und sich vor dir verneigen und auch stolz darauf sagen zu können, sie ist aus unserem Holz geschnitzt und mit ihr tragen alle unsere Talente Früchte.

  3. Wie recht Martha und Dorothee haben! Ichhabe den Text mit großem Vergnügen gelesen, hoffe auf viele weitere, bunte Geschichten aus Ihrer Feder, liebe Frau Koelle, und wünsche Ihnen beiden ein schönes Wochenende! Liebe Grüße aus Ostfriesland, Anke

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